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Bombenanschlag von Nasiriyah

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Memorial für die Opfer des Attentats in Bologna (2011)

Der Bombenanschlag von Nasiriyah war ein Selbstmordattentat auf das Hauptquartier der italienischen Carabinieri im irakischen Nasiriya am 12. November 2003. 28 Menschen kamen ums Leben und über 100 wurden verletzt. Es war der verlustreichste italienische Militärvorfall seit dem Zweiten Weltkrieg. Der Anschlag gehörte zu Angriffen auf nicht-amerikanische internationale Ziele im Irak nach dem Ende der Kampfhandlungen im Irakkrieg, darunter auf die jordanische und türkische Botschaft sowie auf Einrichtungen des Internationalen Roten Kreuzes und der Vereinten Nationen (UN).

Bei der Besetzung des Irak im Jahr 2003 befand sich das Hauptquartier der Carabinieri in einem dreistöckigen Gebäude in der Nähe des Euphrat. Die Carabinieri – Militärpolizisten, die zu den italienischen Streitkräften gehören – waren Teil der Multinational Specialized Unit (MSU), einer internationalen Einheit mit militärischem Status, die polizeiliche Maßnahmen durchführt und lokale Kräfte bei polizeilichen Fragen berät, ausbildet und unterstützt.[1] Die Mission der Italiener zur Friedenssicherung lief vom 15. Juli 2003 bis zum 1. Dezember 2006 unter dem Namen Antica Babilonia. Die italienischen Streitkräfte im Irak standen unter britischem Kommando. Insgesamt waren 3000 italienische Soldaten im Land, darunter 400 Carabinieri der MSU.[2]

Der Anschlag ereignete sich am Morgen des 12. November 2003 kurz vor 11 Uhr mittags, als ein großer Tanklaster auf den Eingang des Stützpunktes zuraste. Einem Carabiniere, der das Haupttor bewachte, gelang es, die beiden Fahrer zu erschießen, bevor das Fahrzeug das Tor durchbrach und auf das Gelände fuhr. Der mit Sprengstoff bestückte Tankwagen prallte gegen das Tor, blieb stehen und explodierte in einem gewaltigen Feuerball; dabei starb auch der Carabiniere, der die Fahrer getötet hatte. Insgesamt 28 Menschen – zwölf Carabinieri, fünf italienische Soldaten, zwei italienische Zivilisten und neun Irakis – wurden getötet. Einer der beiden Zivilisten war der italienische Dokumentarfilmer Stefano Rolla, der den Wiederaufbau in Irak filmisch begleiten wollte. Ein Auto verbrannte, in dem fünf irakische Frauen saßen, die alle ums Leben kamen. Weitere 20 Italiener und 80 Iraker wurden verwundet. Das Gebäude wurde durch die Explosion zerstört.[3][4][5] Die Explosion war so heftig, dass an einem weiteren Gebäude auf der anderen Seite des Euphrat Fensterscheiben zerbarsten.[6]

Nach dem Attentat

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Schlange des Defilees vor dem Nationaldenkmal Viktor Emanuels II.
Die Messe des Staatsbegräbnisses fand in der Basilika San Paolo statt

Der Anschlag gehörte zu einer Reihe von mindestens 43 Angriffen auf nicht-amerikanische internationale Ziele im Irak, die sich kurz nach dem Ende der großen Kampfhandlungen ereigneten, darunter Angriffe auf die jordanische und türkische Botschaft sowie auf Einrichtungen des Internationalen Roten Kreuzes und der Vereinten Nationen (UN). Die Anschläge wurden Dschihadisten zugeschrieben, die unter dem Einfluss von al-Qaida standen.[7]

Der italienische Verteidigungsminister Antonio Martino gab Saddam-Hussein-Loyalisten die Schuld und sagte: „Die Beweise vor Ort und die Geheimdienstberichte lassen uns glauben, dass der heutige Angriff von Saddam-treuen Überresten geplant und ausgeführt wurde [...] zusammen mit arabischen Extremisten.“[8] Die Mission sei von den Attentätern als Ziel ausgewählt worden, da sie nicht sonderlich militärisch geschützt war. In Italien halten sich weiterhin Gerüchte, dass der italienische Geheimdienst Sismi ab dem 23. Oktober 2003 von den Anschlagsplänen gewusst und die Leitung der Ancient Babylon Mission darüber informiert habe. Man habe Farbe und Typ des Lasters durchgegeben sowie die Nationalität der Attentäter.[9]

Der damalige italienische Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi bezeichnete den Anschlag als „terroristischen Akt“. Er war der schlimmste Vorfall, in den italienische Soldaten seit der Operation Restore Hope in Somalia verwickelt waren, und der höchste Verlust an italienischen Soldaten seit dem Zweiten Weltkrieg. Der Angriff war ein Schock für Italien, wo eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen wurde. Die Soldaten erhielten ein Staatsbegräbnis.[5] Viele Menschen in Rom gingen an diesem Tag schwarzgekleidet zur Arbeit; bis zu 400.000 von ihnen defilierten vor den Särgen mit den toten Männern in der Kirche San Paolo fuori le mura.[10]

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb: „Die getöteten Soldaten von Nassiriya sind für Italien zu Sinnbildern eines Gemeinschaftsgefühls geworden, wie es das Land noch nicht gekannt hat.“ Die Ermordeten von Nassiriya seien offenbar einem tödlichen Missverständnis zum Opfer gefallen: Während sich die Carabinieri von den begleitenden Fernsehteams gerne mit spielenden Kindern auf dem Arm ablichten ließen und sich wie gütige Ordnungshüter verhielten, hätten sich ihre Gegner, die sie als solche nicht hätten wahrhaben wollen, „nach den blutigen Gesetzen des Krieges verhalten“.[11]

In zahlreichen italienischen Städte und Gemeinden – darunter in Rom, Rapallo und Bologna – gibt es Straßen und Plätze, die nach den Caduti di (An-)Nasiriyah benannt sind und auf denen sich oftmals auch Denkmäler oder Gedenksteine befinden. In Südtirol trägt ein Klettersteig den Namen Ferrata Caduti di Nassirya.[12]

2008 wurden die 19 italienischen Opfer des Anschlags mit der Verleihung der Medaglia d’oro al valor militare geehrt.[13]

Zum 10. Jahrestag des Anschlags wurde in der italienischen Botschaft in Bagdad eine Gedenksäule in Form eines sumerischen Siegels enthüllt, die an die italienischen Toten des Anschlags erinnert. Auf ihr sind die Namen der Opfer in Keilschrift verzeichnet.[14] Die Gedenksäule wurde von der irakischen Künstlerin Zainab Sami Abdul Muttalib geschaffen. 2015 übergab der italienische Botschafter im Irak eine Kopie der Säule an den irakischen Außenminister; die Säule wurde in der irakischen Botschaft in Rom aufgestellt.[15]

Commons: Bombenanschlag von Nasriyah 2003 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. Multinational Specialized Unit. Nato, abgerufen am 28. November 2024.
  2. Italian death toll rises in Iraq - Nov. 12, 2003. In: CNN. com. 12. November 2003, abgerufen am 23. Januar 2018.
  3. Suicide blast wrecks Italian base. In: news.bbc.co.uk. 12. November 2003, abgerufen am 3. März 2025 (englisch).
  4. Alissa J. Rubin, Richard C. Paddock: Deadly Iraqi Blast Targets Italian Police - Los Angeles Times. In: latimes.com. 13. November 2003, abgerufen am 3. März 2025 (englisch).
  5. a b Anschlag auf italienisches Hauptquartier im Südirak. In: nzz.ch. 13. November 2003, abgerufen am 3. März 2025.
  6. Suicide blast wrecks Italian base. In: news.bbc.co.uk. 12. November 2003, abgerufen am 9. Oktober 2025.
  7. Robert Bunker/John Sullivan: Suicide Bombings in Operation Iraqi Freedom. In: CGU Faculty Publications and Research. 1. Januar 2004, S. 10 f. (claremont.edu [abgerufen am 9. Oktober 2025]).
  8. Italian death toll rises in Iraq - Nov. 12, 2003. In: CNN.com. 12. November 2003, abgerufen am 23. Januar 2018.
  9. Nassiriya, das Massaker, das Sardinien verwüstete. In: unionesarda.it. 12. November 2023, abgerufen am 5. März 2025.
  10. John Hooper: Italy united in grief - and resolve. In: theguardian.com. 19. November 2003, abgerufen am 9. Oktober 2025 (englisch).
  11. Frankfurter Allgemeine Zeitung: Italien: Engel in Uniform. In: FAZ.net. 18. November 2003, abgerufen am 3. März 2025.
  12. Ferrata Caduti di Nassirya. In: bergsteigen.com. Abgerufen am 9. Oktober 2025.
  13. Riconoscimento della Medaglia d'oro ai caduti di Nassirya. In: gerograssi.it. 22. Juli 2008, abgerufen am 9. Oktober 2025 (italienisch).
  14. Ministero degli Affari Esteri e della Cooperazione Internazionale: Nasiriyah – 10 years after, Italy has not forgotten – Ministero degli Affari Esteri e della Cooperazione Internazionale. In: esteri.it. 12. November 2013, abgerufen am 14. Oktober 2025 (englisch).
  15. Italy donates copy of Nassiriya memorial to Iraq. In: agi.it. 21. Januar 2015, abgerufen am 14. Oktober 2025.