Papin-Brunnen

Der Papin-Brunnen ist ein 1906 errichtetes Denkmal in Kassel, das an den französischen Physiker und Erfinder Denis Papin (1647–1712) erinnert. Er befindet sich an der Westseite des Ottoneums am Steinweg. Der von dem Bildhauer Hans Everding gestaltete Brunnen wurde vom Kasseler Verschönerungsverein gestiftet und am 19. Juni 1906, zweihundert Jahre nach Papins erster Vorführung einer Dampfmaschine in Kassel, feierlich enthüllt. Zentrales Element ist eine Bronzeplastik in Gestalt eines nackten Jünglings, der ein Modell eines Schiffes mit Schaufelradantrieb über dem Kopf trägt. Die Auseinandersetzungen um die Darstellung fanden bereits kurz nach der Einweihung reichsweite Beachtung in Zeitungen. Der Brunnen steht unter Denkmalschutz.
Beschreibung
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Der Papin-Brunnen besteht aus einem Brunnenstock aus Travertin mit drei von Schnecken getragenen Schalenbecken. Das untere Hauptbecken ist aus Granit und hat einen Durchmesser von etwa fünf Metern. Der Brunnenstock erreicht mit den Becken eine Höhe von rund 2,20 Metern. Auf der Vorderseite befindet sich in einer Kartusche ein Reliefporträt Denis Papins mit der Inschrift „DENIS PAPIN / 1706“, darunter der hessische Löwe. Bekrönt wird die Anlage von einer Bronzeplastik Hans Everdings. Sie zeigt eine 1,80 Meter hohe nackte Jünglingsgestalt in stehender Haltung, die über dem Kopf ein Modell eines radgetriebenen Schiffes trägt. Während das Standbein fest aufgesetzt ist, ruht das Spielbein auf einem Schleppkahn. Auf der Plinthe sind die Inschriften „HANS EVERDING fecit ROM 1906“ (rechts) und das Gießereizeichen „F. BRUNO FUSE“ (hinten) angebracht. Der Sockel trägt seitlich die Inschrift „H: EVERDING / ROM 1906“, an der Basis befindet sich die Widmung „ERRICHTET / VOM / VERSCHÖNERUNGSVEREIN 1906“. Die Figur wurde 1906 in Rom modelliert, dem damaligen Wohnsitz des Künstlers. Die Darstellung lässt sich mutmaßlich als Allegorie auf den Triumph der modernen Technik deuten: Der Knabe hebt das moderne Schiff als Zeichen des Fortschritts empor, während er zugleich auf einem herkömmlichen Schleppkahn steht, der die überholte Form des Transports verkörpert.
Geschichte
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Zu Beginn des 20. Jahrhunderts plante der Kasseler Verschönerungsverein die Stiftung mehrerer Brunnen im Stadtgebiet, darunter ein Denis Papin gewidmetes Denkmal. Kurz zuvor war der Versuch gescheitert, den historischen Brinkbrunnen an dem für das Denkmal vorgesehenen Standort wieder aufzustellen. Anlass für das Projekt eines Denkmals war die Erinnerung an den 19. Juni 1706, als Papin im Hof des damaligen Kunsthauses, des heutigen Ottoneums, in Anwesenheit Landgraf Karls seine Dampfmaschine erstmals vorführte, wobei es sich im engeren Sinn lediglich um einen Zylinder handelte, in dem sich ein wenig Wasser und ein Kolben befanden. Wenn der Zylinder von außen abwechselnd erwärmt und abgekühlt wurde, bewegte sich der Kolben und lieferte nutzbare mechanische Arbeit. Es war somit die erste funktionierende Wärmekraftmaschine.
Anlässlich des 200. Jubiläums dieser Vorführung lobte der Kasseler Verschönerungsverein einen Wettbewerb für ein als Brunnen angelegtes Denkmal aus. Vermutlich beteiligte sich auch der Bildhauer Gustav Eberlein an dem Wettbewerb. Eine flüchtige Entwurfsskizze einer Brunnenanlage mit der Bezeichnung „Papin“ hat sich im Stadtarchiv von Hann. Münden erhalten.[1] In der graphischen Sammlung von Hessen Kassel Heritage sind vier anonyme Entwürfe zum Papin-Brunnen überliefert. Drei liegen nur in Form von fotografischen Reproduktionen vor, ein Blatt zeigt eine um 1904 entstandene Federzeichnung für einen Obeliskenbrunnen mit reichem Figurenschmuck, Uhrenaufsatz und der Inschrift „Digestor“. Diese Bezeichnung verweist auf den sogenannten Papinschen Topf.[2] Den Auftrag erhielt schließlich der aus Kassel stammende Bildhauer Hans Everding.[3] Er erhielt für die Ausführung des Denkmals 8.000 Mark (was heute ungefähr 62.000 € entspricht).[4] Am 19. Juni 1906, genau zweihundert Jahre nach Papins Vorführung, wurde der Brunnen feierlich enthüllt. Nach einer Ansprache des Regierungsrats und Vorsitzenden des Verschönerungsvereins Ludwig Knorz übergab Oberbürgermeister Müller das Denkmal in die Obhut der Stadt Kassel.[5]
Der Brunnen wurde ursprünglich an der Stelle aufgestellt, wo sich bereits ab etwa 1778 ein Springbrunnen auf der Platzanlage befand, der in den 1810er Jahren wieder abgebrochen wurde.[6] Der Standort des Papin-Brunnens wurde noch vor dem Zweiten Weltkrieg verändert.[7] Mutmaßlich stand dies im Zusammenhang mit der von den Nationalsozialisten in den 1930er Jahren betriebenen sogenannten Altstadtsanierung, die auch die innerstädtische Verkehrsführung betraf. Der Brunnen wurde vom früheren Kadettenplatz nördlich des Ottoneums, gegenüber dem Elisabethhospital, an seinen heutigen Standort links vor dem Haupteingang des Gebäudes versetzt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Bronzefigur vom Brunnen abgenommen und in den Räumen des Ottoneums verborgen, wodurch sie die Kriegs- und Nachkriegsjahre unbeschadet überstand.
Rezeption
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Moralischer Skandal
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Die künstlerische Darstellung eines nackten Jugendlichen empörte pietistische Kreise in der Stadtgesellschaft. Insbesondere der Deutsche Sittlichkeitsbund vom Weißen Kreuz sah in der öffentlichen Darstellung von Nacktheit eine moralische Gefährdung der Bevölkerung und polemisierte in der Tagespresse gegen den Brunnen. Es wurde unterstellt, innerhalb von zehn Tagen seit der Enthüllung sei ein deutlicher Anstieg von sexualisierter Gewalt in Kassel festgestellt worden und es seien (ungeachtet der kurzen Zeit) sogar die außerehelichen Geburten in der Stadt gestiegen. Diese wohl selbst für das strenge Moralverständnis des jungen 20. Jahrhunderts abstrusen Unterstellungen führten dazu, dass dies sogar in der Kasseler Stadtverordnetenversammlung diskutiert wurde. Dabei merkte (vielleicht ironisch) der Bauunternehmer und Stadtverordnete Rudolf Friebe an, dank des Diskurses unternähmen bereits die Schülerinnen örtlicher Mädchenschulen wahre Völkerwanderungen nach dem Brunnen.[8] Dieser lokale Skandal wurde in der überregionalen Presse spöttisch aufgegriffen.[9] Im Simplicissimus veröffentlichte Edgar Steiger im selben Jahr ein satirisches Gedicht zu dem Kasseler Brunnen und seiner Rezeption.
„Ein nackter Jüngling – ha! Wie wird mir?
Ich spür’s, das ist der Sünde Fluch.
Es kocht das Blut, das Auge flirrt mir –
Man gebe mir ein Taschentuch!
Bedeck’ ich nicht das Unsagbare,
So garantier’ ich – ach! – für nichts.
Die Unschuld meiner sechzig Jahre
Wird Gegenstand des Schwurgerichts.
Zwar gab’s unehliche Geburten
In Kassel schon an zehn Prozent;
Doch wenn sie deshalb mich verknurrten,
Wär’ schuld das Brunnenmonument.
Den schlimmen Brauch, nichts anzuhaben,
Erfand (der Teufel war im Bund!)
Zum Fallstrick für uns alte Knaben
Praxiteles, der Griechenhund.
Sieht nun ein Christ auf seinen Wegen
Solch heidnisch Aergernis, – o Pein! –
Beginnt sich plötzlich was zu regen,
Und er erkennt, daß er ein Schwein!
Drum auf du keuscher, deutscher Michel!
Zum Bildersturm! Nur nur nicht geniert!
Hat Kronos selber mit der Sichel
Den eigenen Vater doch kastriert!“
Historische Überhöhung
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Die Ikonografie des Papin-Brunnens zeigt ein Schiff mit einem Schaufelrad am Heck, das von einem Jüngling emporgehoben wird, der zugleich auf einem Schleppkahn steht. Damit wird der Triumph der modernen Technik über die manuelle Schifffahrt und das Treideln ins Bild gesetzt.
Das Motiv eines Bootes mit Schaufelrad wurde zum Teil von Zeitgenossen der Denkmaleinweihung als Schaufelraddampfer interpretiert. Diese Deutung knüpft an eine im 19. Jahrhundert verbreitete anekdotische Überhöhung Papins an, die ihn zumindest auf lokalhistorischer Ebene als Erfinder des Dampfschiffes darzustellen versuchte. Der Kasseler Archivrat Carl Piderit veröffentlichte 1844 einen Bericht, wonach Papin 1707 auf der Fulda ein Dampfschiff erprobt habe.[11] Piderit deutete das gescheiterte Experiment, möglicherweise durch das Springen des Dampfkessels, gleichwohl als historischen Erstversuch, sodass Kassel die Ehre zugeschrieben wurde, das erste Dampfschiff gesehen zu haben. Die vermeintliche Erfindung und Nutzung eines Dampfschiffes wurde anlässlich der Enthüllung des Papin-Brunnens von der lokalen Presse erneut und nicht hinterfragt verbreitet.[12]
Conrad Matschoß intervenierte 1907 und stellte klar, dass Papin nie ein Dampfschiff gebaut oder gefahren habe, womit er den Brunnen zugleich kritisierte, weil er der widerlegten Legende neue Nahrung gebe. Er schrieb:
„Jedenfalls wäre es zu wünschen, dass diese kurze Feststellung der geschichtlichen Tatsache auch weite Verbreitung in den Zeitungen finden möchte, die, veranlasst durch das Casseler Denkmal, ihren Lesern von der irrtümlichen Auffassung berichtet haben. Sonst wird uns im nächsten Jahr als dem 200jährigen Jubiläum der legendären Dampferfahrt eine Flut von Erinnerungsaufsätzen beweisen, dass auch jahrzehntelange geschichtliche Arbeit nicht genügt, um liebgewordene, durch etwas Lokalpatriotismus verstärkte Märchen zu verdrängen.“
Auch der aus Kassel stammende Physiker und Historiker Ernst Gerland stellte diese Zuschreibung 1908 im Jahrbuch der Schiffbautechnischen Gesellschaft kritisch infrage. Er arbeitete die lückenhafte Quellenlage heraus und wies darauf hin, dass Papins Experimente zwar ein frühes Stadium der Dampfkraftnutzung darstellen, jedoch keinen Beginn der praktischen Dampfschifffahrt markieren.[14] Die ikonografische Aussage des Brunnens folgt somit der populären Überhöhung Papins zum Erfinder des Dampfschiffes.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Wolfgang Hermsdorff: Ein Blick zurück aufs alte Kassel. Band 2. Dietrichs & Co, Kassel 1979, S. 94.
- Magistrat der Stadt Kassel (Hrsg.): Kunst im öffentlichen Raum: Kassel vor 1943. Marburg 2007, ISBN 978-3-89445-348-0, S. 42.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Rudo Grimm: Werkverzeichnis Gustav Eberleins. Abgerufen am 26. Oktober 2025.
- ↑ Entwurf zum Papin-Brunnen, Grundriß und Ansicht. Hessen Kassel Heritage, abgerufen am 14. September 2025.
- ↑ Stefan Schweizer: Geschichtsdeutung und Geschichtsbilder; Visuelle Erinnerungs- und Geschichtskultur in Kassel 1866–1914. In: Göttinger Gespräche zur Geschichtswissenschaft. Band 22. Göttingen 2004, ISBN 3-89244-821-3, S. 172.
- ↑ Diese Zahlen wurden mit der Vorlage:Inflation ermittelt, sind auf volle Tausend € gerundet und beziehen sich auf Januar 2025.
- ↑ N. N.: Aus Heimat und Fremde. In: Hessenland. Band 20. Scheel, 1906, S. 184 (Online).
- ↑ Ernst Metzt: Hochfürstlich Hessische Residenzstadt Cassel. Kassel 1961, ohne Seitenzahl, Erläuterung zu Bildtafel 12.
- ↑ Geoportal Kassel. Abgerufen am 14. September 2025.
- ↑ Stefan Schweizer: Geschichtsdeutung und Geschichtsbilder; Visuelle Erinnerungs- und Geschichtskultur in Kassel 1866–1914. In: Göttinger Gespräche zur Geschichtswissenschaft. Band 22. Göttingen 2004, ISBN 3-89244-821-3, S. 176.
- ↑ Über Sittligkeit und Schamheuchelei sagt Otto von Leixner in der Täglichen Rundschau ernste Worte. In: Deutsche Zentralstelle zur Förderung der Volks- und Jugendlektüre (Hrsg.): Eckart. Nr. 2, 1906, S. 99 ([1]).
- ↑ Edgar Steiger: Der Papin-Brunnen; Aus dem Liederbuch des "Weißen Kreuz-Ordens" zu Kassel. In: Simplicissimus. 16. Juni 1906, S. 263 (simplicissimus.info).
- ↑ Franz Carl Theodor Piderit: Geschichte der Haupt- und Residenzstadt Kassel. Wilhelm Appel, Kassel 1844, S. 273 ([2]).
- ↑ Gerhard Schneider (Hrsg.): 300 Jahre Denis Papin – Naturforscher und Erfinder in Hessen. Marburg 1987, ISBN 978-3-8185-0013-9, 145ff., 153ff..
- ↑ Polytechnische Gesellschaft zu Berlin (Hrsg.): Welt der Technik. Nr. 69, 1907, ZDB-ID 532973-5, S. 428 ([3]).
- ↑ Ernst Gerlach: Papin und die Erfindung des Dampfschiffes. In: Jahrbuch Der Schiffbautechnischen Gesellschaft. Band 9. Berlin, S. 475ff ([4]).
Koordinaten: 51° 18′ 47,7″ N, 9° 29′ 57,6″ O
- Denkmalgeschütztes Bauwerk in Kassel
- Kunstwerk im öffentlichen Raum in Kassel
- Erbaut in den 1900er Jahren
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